Rechte Tendenzen: „Die Bundeswehr wird nur selten aktiv“

erschienen im „utopia-Online Magazin“ (www.jugendzeitung.net)

Während die deutsche Nationalhymne lief soll ein Hilfsausbilder für die Grundwehrdienstleistenden bei der Bundeswehr 2008 den „Hitlergruß“ gezeigt haben – dies war nur einer von 121 gemeldeten extrem Rechten Vorkommnissen bei der Armee im vergangenen Jahr. Wie steht es um rechte Tendenzen in der Bundeswehr? Wir haben darüber mit Lucius Teidelbaum vom Arbeitskreis „Braunzone Bundeswehr?“ (http://braunzonebw.blogsport.de) gesprochen.

utopia: Heute sollen über 1.000 Soldatinnen und Soldaten vor dem Berliner Reichstag aufmarschieren: 400 Angehörige eines Wachbataillons sollen, unterstützt von über 600 anderen Soldaten, ihr „Gelöbnis“ ablegen. Die Bundeswehr führt das Zeremoniell absichtlich am 20. Juli durch, dem Tag an dem 1944 ein Anschlag von Wehrmachtsoffizieren auf Adolf Hitler scheiterte. Damit möchte sie sich in die Tradition des so genannten ‚Widerstands’ gegen die Nationalsozialisten stellen – ist das legitim?

Lucius Teidelbaum: Grundsätzlich geht es beim Bezug auf die so genannten Stauffenberg-Attentäter um eine Einteilung in ‚gute’ und ‚schlechte’ Wehrmacht. Die gute Wehrmacht wird – laut Bundeswehr – unter anderem durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Generalfeldmarschall Erwin Rommel vertreten. Teile der Wehrmacht sollen also von den Verbrechen im Nationalsozialismus freigesprochen werden. Besonders Stauffenberg wird durch die Bundeswehr verklärt und als Vorzeigedemokrat dargestellt – das war er aber überhaupt nicht. Der Kreis der Attentäter bestand aus national-konservativen, zum Teil sogar aus nationalsozialistisch eingestellten Menschen. Unter den Attentätern waren selbst Massenmörder, die an der Judenvernichtung beteiligt waren. Einige ‚Widerständler’ wollten nach ihrer Machtergreifung alle Juden ins Ausland deportieren – Antisemitismus war also auch unter ihnen weit verbreitet. Auch die militärischen ‚Widerständler’ sind mit nach Polen einmarschiert. Einziger Unterschied zu den anderen Wehrmachts-Anhängern war, dass die ‚Widerständler’ das Scheitern des Kriegs erkannten. Dann wollten sie das retten, was zu retten ist. Ein wirklicher Widerstandskämpfer ist Georg Elser, der schon am 8. November 1939 ein Attentat auf Adolf Hitler verübte. Der undogmatische Kommunist ist jedoch gescheitert und wurde später auf Hitlers Befehl hin ermordet. Auf ihn bezieht sich die Bundeswehr nicht.

Erst kürzlich zog die Bundeswehr die wehrmacht-verherrlichenden Handbücher „Einsatznah ausbilden“ und „Üben und schießen“ aus dem Verkehr. Warum wurden die Inhalte 64 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs noch immer nicht geändert?

Bei diesen Büchern dachte die Bundeswehr scheinbar, dass sie noch einen gewissen Wert für die Ausbildung neuer Rekrutinnen und Rekruten hätten. Ich würde die Wehrmachts-Verherrlichung in der Bundeswehr aber nicht allein an diesen Büchern fest machen – da gibt es viel mehr. In beinahe jeder Garnison gibt es Traditionsräume in denen die Patenschaften der Bundeswehr-Einheiten mit Wehrmachts-Einheiten festgehalten werden. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Wehrmachts-Einheiten Patenschaften für die neu gegründete Bundeswehr übernommen – was die neue deutsche Armee auch dankend angenommen hat.

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