Archiv für August 2009

Keine Ehrung für Nazi-Opfer

erschienen im „utopia-Online Magazin“ (www.jugendzeitung.net)

Vor über zehn Jahren starb der von den Nazis zwangssterilisierten Paul Wulf – eine Ehrung in seiner Heimatstadt Münster gibt es immer noch nicht.

Die alle zehn Jahre stattfindende Münsteraner Ausstellung „Skulptur-Projekte“ war 2007 – neben der Kasseler Documenta – der Jahreshöhepunkt für die deutsche Kunstszene. Skulpturen von 36 Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt zierten den öffentlichen Raum der 270.000 EinwohnerInnen-Stadt. Rund 575.000 BesucherInnen kamen, um sich die Skulpturen anzusehen. Auf Wunsch der städtischen Kunstkommission und vieler BürgerInnen sollte die „Paul Wulf-Statue“ Münster auch nach der Kunstausstellung bereichern.

Die Statue ist ein Abbild des im Nationalsozialismus im Alter von 16 Jahren zwangssterilisierten Paul Wulf. Der Antifaschist wurde am 2. Mai 1921 geboren. Aus finanziellen Gründen schickten die Eltern den jungen Paul 1928 in ein katholisches Kinderheim in Cloppenburg. Vier Jahre später wurde er in die jugendpsychiatrische Anstalt Marsberg verlegt, in der wegen Platzmangel „gesunde“ und „kranke“ Kinder zusammen lebten.

Im Heim kam Paul Wulf erstmals mit rassenhygienischen Maßnahmen der Nazis in Berührung. Der Leiter der Jugendpsychiatrie stellte Paul Wulf die völlig unbegründete Diagnose „angeborener Schwachsinn ersten Grades“. Von der faschistischen Ideologie geleitete Misshandlungen durch die Angestellten der Psychiatrie waren Folgen der Diagnose. Paul Wulf wurde als „lebensunwert“ abgehakt. Die Misshandlungen bemerkten auch seine schockierten Eltern und taten alles, um Paul aus den Fängen der rassistischen Heimleitung zu bekommen. Der Preis für die Freiheit ihres Sohnes war jedoch hoch: Zwangssterilisation! Aus Angst um das Leben ihres Sohnes stimmten die Eltern zu – am 12. März 1938 wurde Paul Wulf im Paderborner Landeskrankenhaus zwangssterilisiert. Wie er selbst erzählte, eine schreckliche Prozedur. Umso schrecklicher, weil während der Zwangssterilisierung das Radio im OP-Saal lief und jubelnde „Sieg Heil“-Rufe durch den Saal hallten – die Nazis waren gerade in Österreich einmarschiert.

weiterlesen

„Die gesellschaftliche Befreiung der Tiere erreichen“

erschienen im „utopia-Online Magazin“ (www.jugendzeitung.net)

Vom 27. bis zum 30. August findet auf der „Burg Lohra“ zwischen Göttingen und Erfurt ein „Tierbefreiungskongress“ statt. utopia wollte wissen, worum es bei dem Kongress genau geht und was es mit „Tierbefreiung“ auf sich hat. Dazu haben wir mit Katrin Weinert aus dem Organisationsteam des Kongresses gesprochen.

utopia: „Tierbefreiungskongress“ – das hört sich erstmal an, als würden dort Leute darüber diskutieren wie man am besten Scheunentore aufbricht um Kühe frei zu lassen. Liege ich da richtig?

Katrin Weinert: Das ist natürlich nicht der Inhalt des Kongresses. Uns geht es bei dem Begriff ‚Tierbefreiung’ um eine gesellschaftliche Befreiung der Tiere. Wir solidarisieren uns mit Leuten, die Tiere physisch aus Gewaltverhältnissen befreien – also unter Umständen auch ‚Scheunentore öffnen’. Inhaltlich soll es beim Kongress aber darum gehen, wie die Tierbefreiungs- und Tierrechtsbewegung die gesellschaftliche Befreiung der Tiere erreichen kann: welche Strategien es gibt, welche Hintergründe die Leute haben, wie man sich vernetzen kann und welche inhaltlichen Themen es noch zu bearbeiten und zu besprechen gibt.

Wie sieht denn das Programm aus?

Es wird Workshops zu verschiedenen Aktionsformen geben, da geht es aber mehr um kreative Aktionen wie ziviler Ungehorsam oder die Organisation von Demonstrationen und Kampagnen. Es gibt aber auch Workshops und Diskusionen zu eher theoretischen Themen wie z.B. dazu wie eine Befreiung der Tiere in verschiedenen theoretischen Konzepten gefasst werden kann. Und auch der Umgang mit Medien, Repression und Blicke in die Geschichte der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung stehen auf dem Programm.

Menschen von der Notwendigkeit der Rechte für Tiere zu überzeugen ist nicht einfach. Es ist beispielsweise wohl unmöglich Angela Merkel vom Veganismus zu überzeugen. Ist der Kampf nicht aussichtslos?

Es gibt sicherlich Leute, denen Tiere erst einmal egal sind. So etwas sind aber gesellschaftliche Verhältnisse, die wir durchdringen wollen. Wir wollen dieses gesellschaftliche Gewaltverhältnis, das Tiere zu einer Ware macht, thematisieren und Handlungsstrategien entwickeln – es gibt Chancen die Verhältnisse zu verändern, vor allem auch zusammen mit anderen sozialen Bewegungen.

Speziell der Kongress hat gleich mehrere Ziele. Erst einmal sollen natürlich neue Leute an die Bewegung und die Themen der Bewegung herangeführt werden. Ein weiteres Ziel ist die Vernetzung der schon aktiven Leute aus der Tierrechts-Bewegung. Außerdem soll über aktuelle Themen und eben vor allem über Strategien der Tierbefreiung diskutiert werden. Wir wollen natürlich auch selbstkritisch darüber reden, wie die Bewegung aussieht und was für Fehler und Probleme es in letzter Zeit gab, damit wir diese nicht noch einmal machen. Der Tierbefreiungskongress möchte außerdem nicht bei der Befreiung der Tiere stehen bleiben – der vegane Kapitalismus ist schließlich auch kein gutes Leben.

weiterlesen

Kampf um Land

erschienen auf “Nachrichten heute” (www.nachrichtenheute.ch)

Auf den Philippinen kämpfen Bauern verzweifelt gegen Großgrundbesitzer – die Menschenrechtssituation ist vielerorts miserabel.

Das philippinische Volk trauert. Am 1. August starb die ehemalige philippinische Präsidentin Corazon Aquino im Alter von 76 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit. 1986 wurde sie die erste philippinische Präsidentin nach dem Sturz des Diktators Ferdinand Marcos, dessen Regime das Land über 20 Jahre fest im Griff hatte. Die Lebenssituation der Menschen hat sich seitdem verbessert, dennoch sind Menschenrechtsbrüche keine Seltenheit in dem Inselstaat. Die 1988 von Corazon Aquino begonnene Landreform wurde noch immer nicht umgesetzt – in ländlichen Regionen herrschen feudale Verhältnisse.

Ängstlich blickt er sich um. Noch immer ist ihm seine Unsicherheit anzumerken. Yoly Abrenica sitzt im spärlich möblierten Büro des International Peace Observers Network (IPON) in Mulanay, auf der philippinischen Halbinsel Bondoc rund 200 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Manila. Seine Augen wandern aufmerksam durch den Raum, immer wachsam auf der Suche nach Gefahrenquellen. Fünf Mordversuche habe er schon überlebt, erzählt er den jungen Menschenrechtsbeobachtern von IPON. 2007 verlor er beim Angriff eines bewaffneten Millizionärs eines Großgrundbesitzers eine Hand und erlitt schwere Kopfverletzungen. Bis dahin war Yoly Bauer und setzte sich für die Menschenrechte – besonders für das verbriefte Recht auf Nahrung – ein. Seit zwei Jahren versteckt er sich nun aus Furcht vor weiteren Attentaten in den Bergen. Die kleine deutsche Menschenrechtsorganisation IPON will dem 44-Jährigen helfen ein Zeugenschutzprogramm zu beantragen. Keine einfache Aufgabe in der langsamen und von Korruption und Vetternwirtschaft geprägten philippinischen Justiz.

weiterlesen

»Soldat ist kein Beruf wie jeder andere«

erschienen in der Tageszeitung jungeWelt (www.jungewelt.de) am 05. August 2009

- Aushöhlung der UN-Kinderrechte. In Deutschland melden sich jedes Jahr mehrere hundert Minderjährige freiwillig. Ein Gespräch mit Ralf Willinger, Kinderrechtsexperte beim Kinderhilfswerk terre des hommes -

Die Bundeswehr benötigt zur Bedarfsdeckung nach eigenen Angaben jährlich 20 000 neue Rekruten. Um diese zu bekommen kooperiert die Armee mit Schulen, wirbt in Medien und führt ungezählte Werbeveranstaltungen durch. Was kritisieren Sie an der Werbepraxis der Bundeswehr?

Wir sehen es kritisch, daß die Bundeswehr schon bei Veranstaltungen mit zwölfjährigen Kindern an Schulen oder bei Freizeitveranstaltungen Werbung für sich macht. In der UN-Kinderrechtskonvention ist zwar keine Altersgrenze für solche Werbeaktivitäten festgelegt. Sie widersprechen aber klar dem Geist der Konvention, nach dem sich Kinder frei entwickeln sollen, im Geist der Verständigung und des Friedens. Besonders kritisch sehen wir, daß die Werbung bei der Bundeswehr beispielsweise die Begeisterung von Kindern für Technik, ihre Abenteuerlust oder den sportlichen Wettbewerb ausnutzt. So etwas funktioniert bei Kindern durchaus. Die lebensgefährliche Realität des Soldaten wird dadurch verharmlost. Natürlich nimmt die Bundeswehr in unserer Gesellschaft eine wichtige Aufgabe wahr, und Soldat sein ist ein ehrenwerter Beruf, aber dennoch kein Beruf wie jeder andere, denn man wird zum Töten von Menschen ausgebildet. Erst Erwachsene sind in der Lage zu entscheiden, ob sie einen solchen Beruf ausüben können.

Nimmt die Bundeswehr Minderjährige in ihre Reihen auf?

Ja, jährlich werden mehrere hundert 17jährige Jungen und Mädchen in die Bundeswehr aufgenommen, die sich freiwillig dafür gemeldet haben. Dies widerspricht dem Prinzip der UN-Kinderrechtskonvention, nach dem alle Menschen unter 18 Jahren Kinder sind und besonderen Schutz und besondere Rechte genießen – die Kinderrechte also. Damit ist der Dienst im Militär unvereinbar. Doch westliche Regierungen, darunter Deutschland, haben eine Ausnahmeregelung im betreffenden Zusatzprotokoll der Konvention von 2002 erwirkt, nach der staatlichen Armeen die Rekrutierung von über 16jährigen Freiwilligen unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist. Die allermeisten Staaten halten sich dennoch freiwillig an die Grenze von 18 Jahren. Daß Deutschland dazu nicht bereit ist, ist aus unserer Sicht und auch aus der Sicht des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes bedauerlich, denn es weicht den 18-Jahres-Standard für Kinderrechte auf.

weiterlesen

Frisches Blut

erschienen am 03. August 2009 bei Telepolis (www.telepolis.de)

- Die deutsche Bundeswehr sucht Nachwuchs und bedient sich dabei massiv ziviler Jugendmedien -

„Liebst du das Abenteuer? Bist du topfit?“ – Mit diesen Fragen wirbt die Bundeswehr seit einiger Zeit auf einer Webseite von Deutschlands größtem Jugendmagazin BRAVO für „tolle Tage im Ausbildungscamp der Einzelkämpfer“ in der Luftlande- und Lufttransportschule der Bundeswehr im oberbayerischen Altenstadt. Nicht das erste Mal, dass sich die Bundeswehr ziviler Medien bedient um neuen Nachwuchs zu gewinnen.

Ab dem 3. August können 30 Teilnehmer ab 16 Jahren am dreitägigen Geländespiel „Bundeswehr Adventure Games“ (BAG) teilnehmen. Präsentiert wird der Event vom Personalamt der Bundeswehr und dem Jugendmagazin BRAVO: Die eine Hälfte der jungen Teilnehmer rekrutiert sich dabei aus Mitgliedern der „Community“ des Bundeswehr-Rekrutierungsforums treff.bundeswehr.de, die andere Hälfte musste sich über ein Gewinnspiel auf der BRAVO-Website bewerben.
Das deutsche Jugendmagazin verspricht auf seiner Website „Fußmärsche und Orientierungsläufe, [einen] Seilgarten, Schlauchboot fahren & mehr“, und wer sich vom „Sprungturm der Fallschirmjäger“ stürzen möchte kann auch dies bei den „Adventure Games“ erleben. Die Jugendlichen sollen – ganz nach militärischem Drill – in drei Teams in einem Vergleichswettkampf gegeneinander antreten. Bei den „BAG’09″ soll aber auch die Lagerfeuerromantik nicht zu kurz kommen, versprechen die Veranstalter. Kosten entstehen für die jungen Teilnehmer nicht: „Ihr bekommt sogar Gutscheine für die Bahn, mit denen ihr von eurem Wohnort nach Schongau und wieder zurück fahren könnt“, heißt es dazu auf der Bundeswehr-Website.

weiterlesen

Kritik an Bundeswehr auf dem Zissel unerwünscht

erschienen auf „Nordhessische.de – Nachrichten für Nordhessen“ (www.nordhessische.de)

Auf dem größten nordhessischen Heimatfest – dem „Zissel“ in Kassel – amüsieren sich jeden Sommer rund 200.000 Besucher. Entlang der Fulda gibt es an dem Wochenende hunderte Verkaufstände, Imbissbuden und Fahrgeschäfte – so auch in diesem Jahr auf einer Länge von fast zwei Kilometern. Auch die Bundeswehr ist zum ersten Mal dabei, was bei Friedensaktivisten zu Protest führte. Der allerdings war auf dem Fest offenbar nicht erwünscht.

Bundeswehr KarriereTreff in Kassel

Gleich zehn Bands spielen an den drei Festtagen auf der großen Bühne, die die Armee mitgebracht hat. Bunte-Lichter und eine große Sound-Anlage sorgen für richtiges Disco-Feeling unter freiem Himmel. Gleich hinter der Bühne steht ein großer blauer Sattelschlepper mit Bundeswehr-Logo. In dem begehbaren Auflieger können sich junge Männer und Frauen von Wehrdienstberatern über den Dienst an der Waffe informieren und an modernen Flachbildschirmen die verschiedenen Armee-Laufbahnen einsehen.

weiterlesen