»Soldat ist kein Beruf wie jeder andere«

erschienen in der Tageszeitung jungeWelt (www.jungewelt.de) am 05. August 2009

- Aushöhlung der UN-Kinderrechte. In Deutschland melden sich jedes Jahr mehrere hundert Minderjährige freiwillig. Ein Gespräch mit Ralf Willinger, Kinderrechtsexperte beim Kinderhilfswerk terre des hommes -

Die Bundeswehr benötigt zur Bedarfsdeckung nach eigenen Angaben jährlich 20 000 neue Rekruten. Um diese zu bekommen kooperiert die Armee mit Schulen, wirbt in Medien und führt ungezählte Werbeveranstaltungen durch. Was kritisieren Sie an der Werbepraxis der Bundeswehr?

Wir sehen es kritisch, daß die Bundeswehr schon bei Veranstaltungen mit zwölfjährigen Kindern an Schulen oder bei Freizeitveranstaltungen Werbung für sich macht. In der UN-Kinderrechtskonvention ist zwar keine Altersgrenze für solche Werbeaktivitäten festgelegt. Sie widersprechen aber klar dem Geist der Konvention, nach dem sich Kinder frei entwickeln sollen, im Geist der Verständigung und des Friedens. Besonders kritisch sehen wir, daß die Werbung bei der Bundeswehr beispielsweise die Begeisterung von Kindern für Technik, ihre Abenteuerlust oder den sportlichen Wettbewerb ausnutzt. So etwas funktioniert bei Kindern durchaus. Die lebensgefährliche Realität des Soldaten wird dadurch verharmlost. Natürlich nimmt die Bundeswehr in unserer Gesellschaft eine wichtige Aufgabe wahr, und Soldat sein ist ein ehrenwerter Beruf, aber dennoch kein Beruf wie jeder andere, denn man wird zum Töten von Menschen ausgebildet. Erst Erwachsene sind in der Lage zu entscheiden, ob sie einen solchen Beruf ausüben können.

Nimmt die Bundeswehr Minderjährige in ihre Reihen auf?

Ja, jährlich werden mehrere hundert 17jährige Jungen und Mädchen in die Bundeswehr aufgenommen, die sich freiwillig dafür gemeldet haben. Dies widerspricht dem Prinzip der UN-Kinderrechtskonvention, nach dem alle Menschen unter 18 Jahren Kinder sind und besonderen Schutz und besondere Rechte genießen – die Kinderrechte also. Damit ist der Dienst im Militär unvereinbar. Doch westliche Regierungen, darunter Deutschland, haben eine Ausnahmeregelung im betreffenden Zusatzprotokoll der Konvention von 2002 erwirkt, nach der staatlichen Armeen die Rekrutierung von über 16jährigen Freiwilligen unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist. Die allermeisten Staaten halten sich dennoch freiwillig an die Grenze von 18 Jahren. Daß Deutschland dazu nicht bereit ist, ist aus unserer Sicht und auch aus der Sicht des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes bedauerlich, denn es weicht den 18-Jahres-Standard für Kinderrechte auf.

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