Ballern am Hindukusch

erschienen in der Tageszeitung jungeWelt (www.jungewelt.de) am 08. Oktober 2010

- Militärische Videospiele erfreuen sich großer Beliebtheit. So ziehen die meist jungen Spieler auch immer öfter mit virtuellen Bundeswehrsoldaten aufs Schlachtfeld -

In der kommenden Woche erscheint in Deutschland der neueste Teil der Videospielserie »Medal of Honor«. Der Spieler schlüpft in dem nahezu fotorealistischen First-Person-Shooter in die Rolle eines Soldaten der US-Eliteeinheit »Tier-1«. Der elfte Teil des Spiels versetzt den User dabei in ein reales Szenario: Gekämpft wird in den kargen Höhen des afghanischen Hindukusch-Gebirges, bekämpft werden Aufständische und Taliban. Das Spiel sorgte bereits bei seiner Präsentation im August auf der Videospielmesse Gamescom in Köln für Furore: Im Mehrspielermodus kann man auch in die Rolle der Taliban schlüpfen, um dann die NATO-Truppen zu bekämpfen. »Es ist widerwärtig, so ein Spiel auf den Markt zu bringen, während in Afghanistan Menschen sterben«, empörte sich der Sprecher des Bundeswehrverbands damals im Focus. Trotz Kritik mehrerer in Afghanistan tätiger NATO-Staaten hielt Hersteller Electronic Arts aus Redwood im US-Bundesstaat Kalifornien an dem Mehrspielermodus mit Taliban fest. Die Entwicklung von »Medal of Honor« wurde von US-Elitesoldaten unterstützt, und auch die deutschen Militärs scheinen sonst nichts gegen solche Spiele zu haben. Ganz im Gegenteil war die Bundeswehr auf der Gamescom in Köln mit einem großen Messestand samt Feldjägermotorrad aktiv auf Rekrutensuche.

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Nachtrag: Im Videospiel „Medal of Honor“ werden laut einer aktuellen Pressemitteilung des Herstellers nun doch keine Taliban im Mehrspieler-Modus spielbar sein. Der US-Videospiel-Hersteller Electronic Arts hat dem internationalen Druck von Militärs, Politikern und vor allem der Angehörigen gefallener US-Soldaten nachgegeben und die Gegner der US-Truppen in dem First-Person-Shooter in „Opposing Force“ umbenannt. Am Spielprinzip – US-Soldaten bekämpfen Aufständische in Afghanistan – habe sich aber nichts geändert. „An all diejenigen, die Dienen – wir schätzen euch, wir danken euch, und wir nehmen euch nicht für selbstverständlich. Und an die Soldaten, Matrosen, Piloten und Marines in Übersee, bleibt gesund und kommt bald nach Hause“, erklärte Greg Goodrich, Executive Producer des in Redwood im US-Bundesstaat Kalifornien ansässigen Videospiel-Herstellers in einer Pressemitteilung.