Bilanz meines Journalismus

Ein Jahr geht zu Ende, überall im Fernsehen laufen Jahresrückblicke und dieser Blog feiert seinen dritten Geburtstag. Grund genug, einmal das eigene journalistische Tun der letzten Jahre zu reflektieren.
Zunächst zum quantitativen Teil: angefangen journalistische Texte zu schreiben habe ich 2005/2006. Damals wurde ich nach einem Leserbrief in der jungenWelt von einem Redakteur des kleinen Schweizer-Politblogs „Nachrichten heute“ (damals noch „Journalismus – Nachrichten von heute“) angefragt, ob ich nicht etwas für sie schreiben wolle. So begann ich, die ersten Texte für den Blog zu verfassen – die Redakteure verbesserten meine Artikel und gaben Hilfestellungen und Tipps (quasi eine kleine journalistische Ausbildung).
2007 war ich gleich bei der ersten Ausgabe der neu gegründeten Jugendzeitung utopia mit einem Artikel vertreten. Seitdem bin ich auch Teil der Redaktion – mittlerweile gibt es 17 Ausgaben der utopia und trotz einiger Schwierigkeiten (dazu später ausführlicher) lebt das Projekt noch heute und wird auch in Zukunft fortgeführt.
Am 26. Dezember 2007 startete dieser Blog – so waren die damaligen Weihnachtsfeiertage doch zu etwas nutze. Seit dem Start des Blogs lässt sich meine Vierte-Gewalt leichter mitverfolgen. So habe ich etwa 2008 42 Artikel und 7 Interviews veröffentlicht – mit eingerechnet sind einige nicht online erschienene Texte. 2009 waren es 64 Artikel und 16 Interviews und in diesem Jahr 53 Artikel und 18 Interviews. Die Zahlen sagen natürlich nichts über die Länge und Qualität der Texte und Gespräche aus. Zur qualitativen Bewertung daher nun meine Tops, Flops und was es in den letzten Jahren noch so gab.

Tops
Bereits ab Ende 2006 berichtete ich über Uranmülltransporte von der einzigen deutschen Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau nach Russland.


Uranmülltransport im April 2008 im Hauptbahnhof von Münster

Offiziell sollte das Uran in Sibirien wiederangereichert und zurück nach Deutschland geschickt werden – dies geschah mit dem Großteil des deutschen Uranmülls aber nicht. Eigentlich ging es der Betreiberfirma der Anreicherungsanlage, der Urenco (u.a. im Besitz von RWE und E.on), wohl nur darum den strahlenden Müll preiswert weit weg vom eigenen Standort entsorgen zu können. Mit der Zeit berichteten immer mehr Journalisten – in einflussreicheren Medien – über die Transporte. Sogar das ZDF-Polit-Magazin Frontal 21 hatte dazu im Juni 2007 einen Beitrag. Mittlerweile sind die Uranmülltransporte nach Russland eingestellt – der öffentliche Druck auf Urenco war wohl zu groß, zudem liefen wichtige Verträge mit Russland aus und wurden auch nicht mehr verlängert.
Auf lokaler Ebene hat mein Artikel „Zweifelhafte Helden“ im Semesterspiel – der Zeitung der Studierenden der Uni Münster in deren Redaktion ich einige Monate gearbeitet habe – etwas (mit) in Gang gebracht. Der im Sommer 2008 erschienen Artikel handelt von den zweifelhaften Kriegsdenkmälern in Münster und dem Völkermord deutscher Kolonialtruppen am Volk der Herero. Nach dem Artikel gründete sich eine Arbeitsgruppe die eine Umwidmung des so genannten Herero-Denkmals am Ludgeri-Kreisel in Münster zum Ziel hat. Dazu wurden bereits Anträge im Stadtrat gestellt – die Diskussion läuft.
Ebenfalls 2008 fing ich an, vermehrt über die Werbemaßnahmen der Bundeswehr zu schreiben. Damit beschäftige ich mich noch heute – im Oktober 2010 ist mein Buch „An der Heimatfront – Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr“ zu dem Thema erschienen.


„Bw-Olympix“ in der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf im Mai 2008

In den letzten Jahren habe ich viele der Werbemaßnahmen aufgedeckt. Neben schon bekannten Arten der Armee-Werbung, die ich genauer ausgeleuchtet habe, konnte ich dabei auch ganz neue Bereiche und Zusammenhänge aufdecken.
Anfang 2009 erschien meine Studie „Die Bundeswehr im Kampf an der Heimatfront“ bei der Informationsstelle Militarisierung e.V. (IMI) – einer NGO aus Tübingen. Außerdem veröffentlichte ich 2009 einen Artikel über die enormen Armee-Werbemaßnahmen zum „Girls‘ Day“, die Anwerbung von Kindern und Jugendlichen mit Militärmusik und die Problematik der Vereinbarkeit von Kinderrechten und Werbung für den Dienst an der Waffe. Besonders letzteres hat etwas bewirkt: die Kinderrechtsorganisation „terre des hommes“ beschäftigt sich mittlerweile intensiv mit dem Thema und drängt Bundesregierung und Armee dazu, die Rekrutierung von unter 18-Jährigen für das Militär endlich einzustellen.
Ein weiteres Highlight des Jahres 2009 war die Berichterstattung von der „Linken Medienakademie“ (LiMA) in Berlin gemeinsam mit Felix Werdermann. In fünf Tagen posteten wir 25 Artikel und 44 Fotos über die Seminare und Vorträge auf der LiMA. Unsere Berichte wurden später zusammengefasst und erschienen im Buch zur Akademie.
Das Jahr 2010 begann mit der Veröffentlichung meiner für dieses spezielle Thema recht weit verbreiteten IMI-Studie „Die Eroberung der Schulen – Wie die Bundeswehr in Bildungsstätten wirbt“. Auf die Studie folgten zahlreiche Einladungen zu Vortrags- und Diskussions-Veranstaltungen. In den Jahren zuvor wurde ich nur für eine Handvoll Veranstaltungen als Referent eingeladen – 2010 waren es immerhin schon 14 Veranstaltungen von Neumünster bis München, von Berlin bis Köln.
Im Oktober 2010 erschien mein Buch „An der Heimatfront“, was nochmals zu einem Schwung von Veranstaltungs-Anfragen führte. Zwar gibt es bisher nur zwei Rezensionen des Buchs (die sehr positiv sind), dennoch hat die Veröffentlichung bisher eher kleine Kreise gezogen.


Mein Buch auf der Frankfurter-Buchmesse 2010

Andererseits rückt das Thema „Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr“ merklich zunehmend in den Fokus der „großen“ Medien. Ich habe in den letzten Monaten allein dem Bayerischen Rundfunk drei Hörfunk-Interviews gegeben, dem WDR ein Live-Radio-Interview und habe auch per Mail viele Fragen anderer Journalisten zum Thema beantwortet. Gerade die durch Kooperationsvereinbarungen zwischen den Schulministerien einiger Bundesländer und der Bundeswehr seit 2008 institutionalisierten Einsätze von Jugendoffizieren in Schulen sind ein brisantes, umstrittenes und bei Medien immer nachgefragteres Thema – und ich befasse mich damit schon seit Jahren intensiv.

Zwischen Tops und Flops
Wenn ich meine Texte an eine Redaktion schicke, packe ich auch gern noch einige passende Fotos dazu. Ob es auch veröffentlicht wird, ist dabei immer das große Fragezeichen: viele Redaktionen haben bei Agenturen eine Art „Foto-Flatrate“ und nehmen meine Fotos – für die sie dann Honorar zahlen müssen – nur, wenn sie kein Passendes in den Archiven der Agenturen finden. So konnte ich in den letzten Jahren zwar hier und da Fotos veröffentlichen, wirklich rechnen tut es sicher aber (bislang) nicht. Dennoch ist es erfreulich, einige gute aber finanzschwache Projekte mit (kostenlosen) Fotos unterstützen zu können und seinen Namen unter den Bildern zu sehen: Beispielsweise fotografiere ich seit einiger Zeit vermehrt für klimaretter.info – ein unabhängiges Medien-Projekt über Umweltschutz und Klimawandel.
Auch die Bilanz der Jugendzeitung utopia fällt durchwachsen aus. Das Projekt startete im Sommer/Herbst 2007 – seitdem bin ich in der Redaktion aktiv (und dort mittlerweile auch der langjährigste „Mitarbeiter“). Die erste Ausgabe der libertären Zeitung für Jugendliche hatte eine Auflage von 10.000 Exemplaren. Die Zeitung lag damals – und liegt noch heute – der Monatszeitung Graswurzelrevolution in voller Auflagenhöhe (etwa 3.500 – 4.000 Exemplare) bei und wird außerdem an Schulen, Universitäten, in Jugendtreffs oder bei politischen Veranstaltungen und Demonstrationen verteilt. Die utopia wurde uns von Anfang an förmlich aus den Händen gerissen und so steigerten wir die Auflage nach und nach bis auf eine Höhe von 25.000 Zeitungen. Zudem wurde der Erscheinungsrhythmus geändert: war die utopia Anfangs eine Quartalszeitung mit vier Seiten kam sie nach der dritten Ausgabe im Februar 2008 schon alle zwei Monate heraus. Ab der 15. Ausgabe (Frühjahr 2010) entschied das Redaktionskollektiv wiederrum nur jedes Quartal zu erscheinen, dafür aber mit acht statt nur vier Seiten. Die wachsende Popularität der utopia hatte aber auch ihre Schattenseiten: zwar wird die gesamte Arbeit rund um das Zeitungsprojekt ehrenamtlich gemacht, aber die Kosten für Druck und Vertrieb (besonders die Portokosten) stiegen. So konnte die Jugendzeitung „für eine herrschaftslose und gewaltfreie Gesellschaft“ bis vor kurzem vollkommen kostenfrei abonniert werden. Finanziert wurde das Projekt durch Spenden und Anzeigen in der Zeitung – die Kosten für einige der letzten Ausgaben konnten leider nicht mehr gedeckt werden. Nun gibt es ein Defizit von einigen tausend Euro.
Ein weiteres Problem war, dass die Redaktion zu klein war. Nur noch eine Hand voll Leute kümmerte sich um das Zeitungsprojekt. Neue Leute – hierfür bin ich leider mitverantwortlich – wurden nur mangelhaft in die Redaktion eingebunden und ihnen fehlte der Überblick um sich richtig ins Projekt einzubringen. Mitte Dezember gab es deshalb einen Neuanfang bei der utopia. Zum einen müssen von den Abonnenten nun die Portokosten getragen werden um die entstehenden Kosten zu decken, zum anderen gab es Mitte Dezember ein zweitägiges Treffen in Bochum zu dem erfreulich viele junge Leute gekommen sind, die Lust haben bei der utopia mitzuarbeiten. Das Treffen vermittelte auch Grundlagen, so dass ich sehr zuversichtlich bin, dass wir sowohl finanziell als auch innerhalb des Redaktionsteams wieder auf einen Grünen-Zweig gelangen.

Flops
Nicht alles lief gut in den vergangenen Jahren. So ärgere ich mich immer wieder darüber einige Themen zu sehr schleifen gelassen zu haben: so berichtete ich beispielsweise im Dezember 2009 für Telepolis über neue Atommülltransporte ins Atommüll-Zwischenlager Ahaus – als es dann einige Monate später spannend wurde, schrieb ich aber nichts mehr. Obwohl ich die Kontakte hatte, berichtete ich nur wenig über den geplanten (und mittlerweile nach einigem Hin und Her von der Politik abgesagten) Atommülltransport von Ahaus ins russische Majak. Vor allem die Spezialisierung auf „Bundeswehr-Themen“ hat wohl dazu geführt, dass einige andere wichtige Themen liegen geblieben sind. Eine Spezialisierung auf ein bestimmtes Thema ist im Journalismus heutzutage sicherlich nötig und nützlich, doch sollte man sich wohl besser auch Grenzen setzen und auch andere wichtige Themen im Blick behalten.
Ernsthafte Probleme bei der Berichterstattung machten mir 2010 die Feldjäger bei einer Militärzeremonie der Bundeswehr in Münster. Trotz offizieller Akkreditierung wurde mir der Zutritt zur Veranstaltung doch verweigert – später wurde ich nicht einmal mehr vor die Absperrungen der Armee-Zeremonie gelassen.


Polizei und Feldjäger verhinderten eine vernünftige Berichterstattung während einer Militärzeremonie im Juni 2010 in Münster

Da ich schon des Öfteren sehr kritisch über die Bundeswehr (am Standort Münster) berichtet habe, ist es nicht verwunderlich, dass die Militärpolizei mich nicht gern bei ihren Veranstaltungen sieht. Dennoch hat die Bundeswehr – gerade da sie eine staatliche Institution ist – kein Recht, kritische Journalisten von ihren Veranstaltungen auszuschließen und die Berichterstattung so zu behindern. Obwohl ich die „Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union“ einschaltete und die Gewerkschaft bei der Armee protestierte, gab es weder eine Entschuldigung noch eine andere Reaktion seitens der Bundeswehr. Mit solchen Aktionen zeigt das Militär deutlich, wie viel ihr an Demokratie und Pressefreiheit liegt.
Ärgerlich waren ebenfalls die Vorgänge rund um das Söldnerunternehmen „Asgaard – German Security Group“. Das Unternehmen ist in der 19.000-Einwohner Stadt Telgte nahe Münster beheimatet – obwohl ich aus demselben Ort stamme (aber nicht mehr so oft dort bin) habe ich erst aus der Tagesschau (dabei beschäftige ich mich ja sogar mit Militär-Themen) von der Existenz des Unternehmens erfahren. Immerhin konnte ich in meinen Artikeln über Asgaard noch die ein oder andere exklusive Information unterbringen – dennoch wäre es weitaus besser gewesen, das Thema überhaupt erst öffentlich zu machen. Ich sollte demnächst genauer hinsehen und auch auf mögliche spannende Themen „vor der eigenen Haustür“ achten.
Allerdings: selbst wenn ich schon frühzeitig über die Machenschaften der Söldnerfirma (Asgaard hatte einen Vertrag mit einem dubiosen somalischen Politiker abgeschlossen und wollte Söldner in das afrikanische Land schicken) berichtet hätte, wäre ich wohl nicht weit gekommen bzw. hätte ich nicht viele Menschen erreicht. In diesem Land kann man zwar fast alles offen sagen, doch wer hört einem zu? Momentan schreibe ich zwar für inhaltlich sehr gute Medien, deren Reichweite und Gewichtung für größere gesellschaftliche und politische Diskussionen ist aber sehr begrenzt. So verhielt es sich auch bei der Berichterstattung über die schon erwähnten Uranmülltransporte von Gronau nach Russland. Meine Artikel – damals noch beim kleinen Schweizer-Blog „Nachrichten heuten“ – wurden nur rund 2.000-Mal gelesen. Die Transporte wurden erst zum Politikum als „Frontal 21“ später darüber berichtete. Es ist eine Sache einen gut recherchierten Artikel zu schreiben, eine ganz Andere ist es ihn auch zu verbreiten. Daran muss ich dringend arbeiten – beispielsweise veröffentlichte Artikel über Online-Dienste wie Twitter oder Facebook verbreiten.
Verbesserungsbedarf gibt es auch dort, wo es schwierig wird zu berichten. Eigentlich bin ich sehr hartnäckig was die Recherche angeht. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: nicht wenige Pressestellen (sowohl von Unternehmen als auch von staatlichen Institutionen) weichen kritischen Fragen gerne aus oder stellen sich taub. Meist stachelt mich so etwas an und ich bestehe erst Recht darauf, endlich ehrliche Antworten zu bekommen. In seltenen Fällen verlaufen solche Recherchen aber auch im Sande. Ein Beispiel hierfür möchte ich geben: Laut einem Schreiben des Forschungszentrums Jülich (dort steht ein stillgelegter Atom-Forschungsreaktor) vom Januar 2010 sollen in einigen Monaten „ca. 300.000“ (die Zahl und das „ca.“ stammen aus dem Bericht) abgebrannte Kugelbrennelemente in speziellen Castor-Behältern ins Atomzwischenlager Ahaus gebracht werden. Aus dem Schreiben geht hervor, dass maximal 1.900 Kugelbrennelemente in einen Castor-Behälter passen – es würden also 157,8 sprich 158 Castor-Behälter benötigt. Es sollen aber offiziell nur 152 Castor-Behälter nach Ahaus gebracht werden (darin würden nur 288.000 Kugelbrennelemente Platz finden). Wie viel Kugelbrennelemente sind es also genau – was bedeutet das „ca.“ aus dem Schreiben des Forschungszentrums?


Eingang des Forschungszentrums Jülich im Januar 2010

Ein ehemalige Sicherheitsexperte beim Institut für Sicherheitsforschung und Reaktortechnik des Forschungszentrums Jülich – mittlerweile Kritiker des dortigen Atomprojekts – gab mir gegenüber eine Zahl von 293.000 Kugelbrennelementen an. Auch diese würden in nur 152 Castoren keinen Platz finden. Fahren also wirklich nur 152 Castor-Behälter nach Ahaus oder sollen später weitere Transporte folgen? Was ist mit den restlichen Kugeln? Eine Sache der einmal genauer nachgegangen werden sollte. Ich habe vor etwa einem Jahr den Anfang gemacht, dann ging mir aber die Puste aus da die an den Transporten beteiligten Firmen sehr auskunftsarm waren (mir u.a. die genaue Zahl der zu transportierenden Brennelementekugeln nicht nennen wollten) und mir auch die Zeit für weitere Recherchen fehlte. Einen Artikel habe ich bisher nicht darüber geschrieben, da es mir bisher eine zu unsichere Faktenlage und zu viel Spekulation ist. Dies ist nur ein Beispiel für Recherchen von spannenden Themen die bisher aber zu keinem Ergebnis geführt haben und bei denen ich auch nicht wirklich die Motivation besitze, weiter zu recherchieren (fehlende Zeit spielt dabei natürlich auch immer eine Rolle). Daran muss ich arbeiten – und noch ehrgeiziger werden.

Den bisher wenigen Leserinnen und Lesern dieses Blogs einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Michi