Kritik am Jugendmedienschutz: „Gewaltdarstellung kann unter Umständen sogar friedensfördernd sein“

erschienen am 22. Juni 2011 auf Militainment.info (www.militainment.info)

Videospiele und Filme in denen Gewalt dargestellt wird, bekommen vom deutschen Jugendmedienschutz oft nur eine Altersfreigabe ab 18 Jahren oder werden sogar ganz verboten. Wenig Probleme haben die Jugendschützer hingegen, wenn etwa „James Bond“ mit der Lizenz zum Töten umherzieht und vermeintliche Terroristen und andere Bösewichte steril zur Strecke bringt. Im Gespräch erklärt Buchautor und Friedensaktivist Peter Bürger – dessen Studien über Militianment mittlerweile zu Standardwerken in der deutschen Fachliteratur gehören – warum der aktuelle Jugendmedienschutz für Filme und Videospiele sein Ziel verfehlt und wagt einen Gegenentwurf.

Militainment.info: In ihrem 2006 mit dem Bertha-von-Suttner-Preis der Deutschen Friedensgesellschaft ausgezeichnet Buch „Kino der Angst“ und auch in der 2007 erschienenen Fortsetzung „Bildermaschine für den Krieg“ gehen Sie mit dem deutschen Jugendmedienschutz hart ins Gericht. Welches Problem sehen Sie in den Altersbeschränkungen oder gar Verboten von Videospielen und Filmen?

Peter Bürger: Das massenkulturelle Gewalterbe, das die neoliberalistische Ära unseren Gesellschaften beschert hat, ist ein erschreckendes Erbe. Es hat die Sehgewohnheiten, unser Verständnis von Spannung und unsere ästhetische Wahrnehmung tiefgreifend geformt. Aus meiner Sicht dienen Kontrollgremien und staatliche Medienverbote auch dazu, immer noch den Schein bürgerlicher Wohlanständigkeit zu wahren. Ich bin unbedingt für Altersbeschränkungen bei destruktiven Medienprodukten, auch weil sie den mächtigen Produzenten vielleicht doch Profitverluste einbringen. Auch Verbote lehne ich keineswegs prinzipiell ab. Nazipropaganda und Rassismus haben im Kino nichts verloren. Genauso wenig sollte etwa Werbung für den Verzehr von Menschenfleisch ins Fernsehprogramm. Das liberalistische Paradigma kommt aber über den rein formalen Satz „Alles ist erlaubt“ nicht hinaus, und es erlaubt derzeit vor allem Tabubrüche beim Klassenkampf von oben und hinsichtlich der tradierten Auffassungen von Recht. Das demokratische Anliegen einer freiheitlichen Kultur ist aber auf einem ganz anderen Schauplatz zu verfolgen. Hier geht es um ganz andere Fragen: Die real existierende Massenkultur wird von wenigen Medienmonopolen kontrolliert. Wem dienen die dominanten Formate, Inhalte und Weltbilder? Wo kommen Sichtweisen und Interessen zur Sprache, die einer Mehrheit der Menschen auf dem Globus dienlich sind? Welche Chancen haben entsprechende künstlerische Produktionen, überhaupt im maßgeblichen Mediensortiment berücksichtigt zu werden? Bezogen auf die Ansätze von Alterskontrolle und Medienverboten gibt es meiner Meinung nach folgende Problemkreise:
Erstens: Welche Kriterien werden zugrundelegt? Bei den herrschenden Kriterien kann man problemlos einen Kriegspropagandafilm für Kinder ins Sortiment schleusen. Die wirksamste Propaganda ist ohnehin immer subtil, wird also durch vordergründige Gesichtspunkte gar nicht beeinträchtigt. Es ist auch ein großer Unterschied, ob man sich im engen Sinne auf psychologische Wirkungshypothesen zur „Mediengewalt“ bezieht oder den in UN-Charta, Verfassung und Völkerrecht manifestierten Zivilisationskonsens einer Ächtung des Krieges zum Ausgangspunkt nimmt. Welche Gesichtspunkte im letzten Fall hinzutreten müssten, zeige ich im Schlusskapitel meiner Studie „Kino der Angst“. Eine dominante Massenkultur, die das Programm „Krieg und Militär“ bewirbt, ist zivilisationsfeindlich.
Zweitens: Schon rein pragmatisch muss man beim isolierten Kontroll- und Verbotsparadigma fragen, ob es denn überhaupt etwas bewirkt. Ich glaube, dass Verbote im Internetzeitalter nur wenig bis gar nicht funktionieren und sogar die Attraktivität der indizierten Titel steigern können.
Drittens: Damit hängt die Alibifunktion des Kontroll- und Verbotsparadigma zusammen. Man suggeriert, es werde ja etwas getan. In Wirklichkeit kommt es aber nicht zu intelligenten gesellschaftlichen und kulturpolitischen Strategien wider die Militarisierung der Kultur.
Viertens: Schließlich sind die Akteure beim Kontroll- und Verbotsparadigma Einrichtungen der Anbieterseite – also der Produzenten – und des Staates. Sollten wir da allen Ernstes eine Kritik des kriegssubventionierenden Kulturparadigmas erwarten, die ans Eingemachte geht? Welche staatliche Einrichtung ist bezogen auf die Friedensartikel des Grundgesetzes denn noch verfassungstreu? Eine kritische Bundeszentrale für politische Bildung müsste beim Thema Videospiele die Spielaufgaben „geostrategische Kontrolle“ und Ressourcenaneignung problematisieren und zeigen, dass das entsprechende Imperial-Entertainment ein Spiegelbild der neuen westlichen Militärstrategien ist. Da können wir aber lange warten. Ich traue nicht einmal Friedensinstituten, die in erster Linie von staatlicher Förderung abhängig sind, eine wirklich kritische Forschung zur militarisierten Massenkultur zu.

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