Die Bundeswehr wollte nicht mit mir reden

In diesen Tagen erscheint mein neues Buch „Soldaten im Klassenzimmer – Die Bundeswehr an Schulen“. Darin wird die Nachwuchswerbung und Image-Arbeit der deutschen Armee an Bildungseinrichtungen beschrieben und es kommen verschiedene Akteure – Schüler, Lehrer, Eltern, Friedensbewegte und ein Professor für politische Bildung – zu Wort. Der wichtigste Akteur bei dem Thema ist jedoch nicht mit einem Interview im Buch vertreten: Die Bundeswehr wollte nicht mit mir reden.
Wie bei den anderen fünf Interviewpartnerinnen und -partnern bat ich auch einen Jugendoffizier, eine Wehrdienstberaterin und den Leiter des Wehrbereichskommandos II, Generalmajor Gerhard Stelz, per E-Mail um ein Interview für das neue Buch. Und wie auch bei den anderen Interviews versicherte ich, dass die Soldaten das komplett abgetippte Interview am Ende nochmals zur Autorisierung vorgelegt bekommen und es gegebenenfalls ändern können – das ist im Journalismus üblich. Sechs Tage nach meinen Anfragen erreichte mich eine kurze Mail des Presse- und Informationszentrums der Bundeswehr aus Bonn: „Die Bundeswehr wird Sie bei der Realisierung Ihres Buchprojektes nicht unterstützen!“ Einen Grund für die Absagen ist mir die Bundeswehr bis heute schuldig. Nachfragen wurden nicht beantwortet.

Frisch aus der Druckerei aber ohne Bundeswehr-Interviews

Es ist nicht das erste Mal, dass die Bundeswehr sich mir gegenüber weigert, Auskunft zu geben: Schon bei meiner Abschlussarbeit über „Jugendoffiziere der Bundeswehr als Akteure der politischen Bildung an Schulen“ an der Universität Kassel wurde mir ein Interviewtermin mit einem Jugendoffizier kurzfristig wieder abgesagt – die vorgesetzte Dienststelle des Jugendoffiziers stimmte dem Interview nicht zu und gab an, mich und meine kritischen Ansichten zum Militär, aus denen ich auch keinen Hehl mache, zu kennen. Zudem begründete die Dienststelle ihre verweigernde Haltung damit, dass ich schon öfters Kontakt mit Jugendoffizieren gehabt hätte und sie daher keine Erfordernis mehr nach einem Interview sehen würden. Das stimmt nur halb: Für meine Arbeit und die Recherchen zum neuen Buch hatte ich tatsächlich einige Male Kontakt mit Jugendoffizieren, habe an einer POL&IS-Simulation teilgenommen und Podiumsdiskussionen besucht. Allerdings hatte ich bislang nie die Möglichkeit, in kleinem Kreis in Ruhe mit einem Jugendoffizier zu sprechen und sachlich Argumente mit ihm auszutauschen bzw. ein Interview zu führen.
Ich bekomme mittlerweile doch den Eindruck, dass die Bundeswehr eine gewisse Angst vor mir zu haben scheint. Ich will mit Soldaten sachlich, fachlich über das wichtige Thema „Bundeswehr an Schulen“ sprechen, die Armee-Führung verwehrt dies. Fürchtet die Bundeswehr den argumentativen Untergang ihrer Soldaten bei einem Interview mit mir? Gerade für eine staatliche Institution ist eine solche Verweigerungshaltung gegenüber vermutlich kritischen Fragen in einem Interview unerhört. Andererseits sagt die Bundeswehr mit ihren Abweisungen möglicherweise mehr, als es in Interviews je der Fall gewesen wäre…

Michi


5 Antworten auf „Die Bundeswehr wollte nicht mit mir reden“


  1. 1 Thomas 31. Mai 2012 um 15:13 Uhr

    Lieber Michael,
    ich vermute, dass Bundeswehroffiziere nicht mit Dir reden wollen, weil sie in dieser Situation in einer schlechten Argumentationsposition wären. Ich denke schon, dass sich die Bundeswehr offensichtlich vor schlechter Werbung scheut, dein Block und auch dein Buch offensichtlich eine kritische Haltung gegenüber dem Thema einnimmt und in einem 4 Augen Gespräch du in der Mehrheit der Fälle wahrscheinlich die besseren Argumente hast, sowie eine breite Masse hinter dir (nämlich die Leute, die dein Buch und dein Blog lesen)
    Ich finde die Reaktion seitens der Bundeswehr deshalb nicht verwunderlich und auch nicht unaufrichtig.

  2. 2 Jugendoffizier 04. Juni 2012 um 7:24 Uhr

    Hallo Michael,

    ich bin es, der Alexander.

    Deine Vermutung, die Bundeswehr oder Soldaten hätten „Angst“ vor Dir, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Auch der nicht vorhandene Wille, sich mit Dir auseinander zu setzen, ist für mich nicht erkennbar. Vll. erinnerst Du Dich an die lebhafte Diskussion, die wir zusammen mit den FSJler / FSJ im pol. Leben im Mai 2011 in Königswinter hatten?
    Du standest mit Deinen starren, gebetsmühlenartig wiederholten Thesen von der subtilen Werbung im Klassenzimmer selbst bei dieser äußerst bundeswehrkritischen Gruppe schnell alleine da und hast vor allem mit Deiner mehrfach zum Ausdruck gebrachten Einschätzung mangelnder Reflektionsfähigkeit der Jugendlichen Punkte verspielt.

    Die Bundeswehr ist als staatliches Organ dem GG unterworfen und damit sicherlich demokratischer als die von Dir und seinesgleichen verbreiteten marxistischen Thesen – was bei solchem Gedankengut herauskommt, haben wir oft genug in der Geschichte gesehen.

    Ich appelliere nochmals daran, den von weiten Teilen der Gesellschaft geäußerten Wunsch nach kritischem Dialog und Meinungsaustausch mit der Bundeswehr nicht unterbinden zu versuchen – zum Glück darf sich, anders als in sozialistischen Gesellschaften, in Deutschland jeder Bürger und jede Bürgerin seine oder ihre eigene Meinung bilden.

    Viele Grüße aus Düsseldorf!

    Alex

  3. 3 Michi 04. Juni 2012 um 12:20 Uhr

    Hallo!
    Die Diskussion in Königswinter war für mich vor allem deswegen so schwierig, weil POL&IS, um das es ja ging, nicht grundsätzlich schlecht zum erlenen politischer Abläufe ist. Bei dem Spiel ist vor allem zu hinterfragen warum es die Bundeswehr anbietet und nicht etwa die Bundeszentrale für politische Bildung oder die Landeszentralen. Es gibt konfliktträchtigere und kritikwürdigere Themen rund um „Bundeswehr an Schulen“, als POL&IS.
    Mich hier in eine „du möchtest die DDR zurück haben“-Ecke zu stellen, finde ich eine Frechheit. Sie kennen mich nicht und sollten sich mit solchen Unterstellungen daher zurückhalten. Ihre Einschätzung ist grundfalsch.
    Es ging nie und geht nach wie vor nicht darum irgendeinen Dialog oder Meinungsaustausch rund um die Bundeswehr zu unterbinden. Ganz im Gegenteil möchte ich diesen um das Thema „Bundeswehr an Schulen“ mit meinem Buch sogar fördern – allerdings hat sich Ihr Dienstherr mir gegenüber diesem Austausch verschlossen.
    Auch in den Schulen muss ein Meinungsaustausch stattfinden: die Themen „Bundeswehr“ und „Sicherheitspolitik“ müssen umfassend im Unterricht besprochen werden. Allerdings eben nicht nur einseitig durch Einladung eines Jugendoffiziers, sondern indem alle Ansichten dargestellt werden. Dies heißt aber auch, dass eingeladene Armee-Kritiker dieselben Voraussetzungen haben müssen wie etwa Jugendoffiziere – sowohl personell als auch finanziell. Nur so wäre ein wirklicher Austausch auf Augenhöhe möglich. So lange dies nicht der Fall ist, muss die dafür ausgebildete Lehrkraft durch die Themen führen.
    Und als Letztes: entschuldigen Sie die leicht verzögerte Freischaltung Ihres Kommentars.

  4. 4 Militär Shop 23. August 2012 um 15:45 Uhr

    Hi,
    also ich habe in der 10. Klasse an POL&IS teilgenommen, damals hat es den ganzen Leuten sehr viel Spaß gemacht, mal die „Welt zu beherrschen“ :-)
    Von daher finde ich solche Einschübe aus dem Bereich der Bundeswehr eigentlich sehr hilfreich und auch mal eine gelungene Abwechslung zum öden Schulalltag.

  5. 5 Michi 27. August 2012 um 21:48 Uhr

    Ohne Frage ist POL&IS ein sehr attraktives und sicherlich auch bei Schülerinnen und Schülern sehr beliebtes Spiel. Dennoch muss man die Frage stellen, warum das Planspiel gerade von der Bundeswehr und nicht z.B. von der Bundeszentrale für politische Bildung angeboten wird.

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