Bilanz meines Journalismus 2012

Ein Jahr ist zu Ende gegangen, diese Website wurde vor wenigen Tagen fünf Jahre alt: Zeit mal wieder Bilanz zu ziehen – wie lief‘s mit meinem Journalismus? Was hat geklappt, was nicht? Und wie wird es weiter gehen?
Erstmal die aktuellen – aber nur bedingt aussagekräftigen – Zahlen: im Jahr 2012 habe ich 31 Artikel und 9 Interviews veröffentlicht. Zum Vergleich: 2011 waren es noch 55 Artikel und 7 Interviews. 2010 habe ich 53 Artikel und 18 Interviews veröffentlicht und 2009 waren es sogar 64 Artikel und 16 Interviews. Allerdings habe ich 2012 auch noch das „Soldaten im Klassenzimmer“-Buch publiziert, einen Artikel zu einem Sammelband beigetragen und fünf längere Studien veröffentlicht. Eine weitere Studie ist bereits fertig und wird bald zu lesen sein. Zudem habe ich noch 16 Interviews mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der WRI-Konferenz im Juni geführt, die noch nicht veröffentlicht wurden. Und sowieso fehlen in der Aufzählung noch Artikel, die nicht im Internet – und damit auf dieser Website – erschienen sind. Dennoch lässt sich sagen: während die Anzahl meiner Texte in den letzten Jahren abnimmt, nimmt ihre Zeichenzahl zu. Doch nun ein Blick hinter die nackten Zahlen: meine journalistischen Tops und Flops (und was dazwischen war) im vergangenen Jahr.

Tops
Gut geklappt hat die journalistische Arbeit am Thema „Videospiele“. Ich habe einige Artikel über den politischen Gehalt der Spiele veröffentlicht. Besonders gefreut hat mich dabei die Möglichkeit, einen Artikel in der taz unterzubringen – darauf habe ich auch viele positive Rückmeldungen erhalten. Außerdem ist ein Text von mir Anfang des Jahres im Dossier „Computerspiele: Friedensjournalismus vs. Kriegspropaganda“ der deutschen Fachzeitschrift für Friedensforschung „Wissenschaft & Frieden“ erschienen. Ein weiteres Highlight war ein kürzlich erschienener Artikel über die Verbindungen zwischen der Videospielbranche und der Rüstungsindustrie im Bookzine WASDdie Zukunft des Games-Journalismus. Gerade über diese Verbindung habe ich viel recherchiert und interessante Dinge heraus bekommen. Daneben habe ich oft den „Videospiel-Streit“ zwischen dem „Westen“ und dem Iran abgehandelt.
Zu meinen umfangreichsten Texten 2012 gehören die vier Videospiel-Studien unter dem Titel „Das virtuelle Schlachtfeld“. Ende Februar erschien die erste Studie zu dem First-Person-Shooter „Battlefield 3“. Es folgten im Juli Studien über „Ghost Recon – Future Soldier“ und „Spec Ops – The Line“ und schließlich Ende November eine über „Medal of Honor – Warfighter“. Eine Studie über „Call of Duty – Black Ops 2“ erscheint in wenigen Wochen – die Studien-Reihe wird also auch im neuen Jahr fortgeführt.

Soldaten im Klassenzimmer-Buch
Top: neues Buch!

Das zweite große Thema war – wie schon seit Jahren – die Werbetätigkeit der Armee. „Soldaten im Klassenzimmer – Die Bundeswehr an Schulen“ ist der Titel meines im Mai veröffentlichten zweiten Buchs. Auf 135 Seiten nehme ich darin die Werbung der deutschen Armee um Schülerinnen und Schüler auseinander und lasse in Interviews auch Akteure wie Schüler- und Elternvertreter und einen Professor für politische Bildung zu Wort kommen – die Bundeswehr wollte für das Buch leider nicht mit mir sprechen.
Daneben habe ich viele weitere Artikel über Bundeswehr-Werbung geschrieben und Interviews geführt. Besonders interessant war dabei der Blick auf die internationale Ebene. Im Juni fand in Darmstadt eine internationale Fachtagung „Gegen die Militarisierung der Jugend“ statt. Bei der Organisation des Kongresses durch die „War Resisters‘ International“ habe ich etwas mitgeholfen, während der Tagung viele interessante Gespräche und Interviews geführt und auch selbst über die Situation in Deutschland referiert. Ein Buch über die Tagung mit Beiträgen von mir und den geführten Interviews wird voraussichtlich im März 2013 erscheinen – erstmal auf Englisch, später aber wohl auch in deutscher Sprache.
Wahnsinnig gefreut habe ich mich über zahlreiche Vortrags-Einladungen. 2010 habe ich bei 14 Veranstaltungen referiert, 2011 waren es 21 Vortrags- und Diskussions-Veranstaltungen und 2012 sogar 27 öffentliche Veranstaltungen! Ich war in diesem Jahr (teilweise mehrfach) in München, Kassel, Hannover, Darmstadt, Mannheim, Düsseldorf, Mörfelden, Berlin, Göttingen, Frankfurt am Main, Dortmund, Essen, Ingolstadt, Regensburg, Tübingen, Stuttgart, Karlsruhe, Kaiserslautern, Worms, Beelen, Münster, Nordhorn, Bottrop und Strausberg um etwas über den „Werbefeldzug der Bundeswehr“, die „Eroberung der Schulen durch die Armee“ und zwei Mal auch über „Militärische Videospiele“ zu referieren. Dabei habe ich viele interessante und engagierte Menschen getroffen und tolle Diskussionen geführt! Und auch für dieses Jahr stehen schon die ersten Veranstaltungen in meinem Kalender.

Zwischen Tops und Flops
Über Videospiele habe ich schon etwas geschrieben, es lief gut. Aber dennoch: Es ist nicht einfach, meine Artikel über virtuelle Spiele in Zeitungen unterzubringen. Viele Redaktionen sind sich der Relevanz offenbar nicht bewusst, obwohl die Videospiel-Branche mittlerweile mehr Umsatz als Hollywood macht und die Spiele vor allem für junge Menschen zum Alltag gehören. Woran das liegt? Nicht einfach zu sagen. Vielleicht, weil viele ältere Redakteure keine eigenen Erfahrungen mit Videospielen haben. Vielleicht auch, weil das Thema nicht einfach einzuordnen ist – ein Artikel über den Waffenfetischismus in einem Militär-Shooter: Feuilleton? Politik? Einfache Rezensionen sind meine Texte nicht, aber sie behandeln auch keine tagespolitischen Auseinandersetzungen. Die aktuelle Diskussion um Videospiel-Journalismus hilft hoffentlich dem Thema „Videospiele“, an Relevanz in den Medien zu gewinnen.
Ebenfalls nicht ganz optimal lief im September ein Artikel über Werbung der Bundeswehr auf den Websites des Jugendmagazins BRAVO – dort warb die Armee actionreich für zwei Ferienlager. Ich bat den Bauer-Verlag um eine Stellungnahme und auch die Kinderrechtsorganisation „terre des hommes“. Die Statements bekam ich nach einigen Tagen. Die Kinderrechtsexperten waren von der einseitigen Armee-Werbung, auf die ich sie aufmerksam gemacht habe, aber so entsetzt, dass sie eine Online-Protest-Aktion ins Leben riefen und dazu auch eine Pressemitteilung veröffentlichten. Es hat mich sehr gefreut, dass ich mit meiner Anfrage etwas bewegt habe und sich die Kinderrechtler der Sache intensiv angenommen haben. Nur: Mein Artikel lag leider noch in der taz-Redaktion als das Thema wegen der „terre des hommes“-Pressemitteilung schon von den ersten Medien aufgriffen wurde. So war mein Artikel, als er endlich erschien, nur einer unter vielen – die Exklusivität war weg, das Thema hat mich überholt. Mögliche Lösung solcher Probleme in Zukunft: lieber vorher bei der Zeitung fragen, wann der Artikel veröffentlicht wird, um zwischen Recherche, fertigem Artikel und Veröffentlichung weniger Zeit verstreichen zu lassen.
Beeindruckend war dann aber mit anzusehen, wie sich das Thema verbreitete. Politiker von Linken, SPD und Grünen äußerten sich kritisch zu der Werbeaktion der Bundeswehr in den BRAVO-Medien. Die Sache kam sogar im Bundestag auf die Tagesordnung. Zeitungen, Radio und Fernsehen berichteten – und alles nur wegen meiner kurzen Statement-Anfrage bei Ralf Willinger. Schon lustig.
Nicht schlecht, aber auch nicht gut liefen meine Fotos. Hier und da konnte ich mal ein Foto zu meinen Artikeln in Zeitungen oder Online unterbringen. Das Thema „Videospiele“ ist aber natürlich besser durch Screenshots aus den Spielen zu bebildern, weshalb ich zu diesem Themenbereich nur schwer Fotos liefern kann – mit Ausnahme meiner Fotos von der jährlichen Videospiel-Messe „gamescom“ in Köln. Fast alle meine journalistischen Fotos stelle ich auch auf meine flickr-Seite. Allerdings stammen die letzten vom August – in den letzten Monaten habe ich kaum noch Zeit für’s journalistische Fotografieren gefunden bzw. konnte keine Termine – etwa Demonstrationen auf denen ich Fotos hätte machen können – wahrnehmen. Mal sehen, was 2013 bringt.

Flops
Gar nicht gut lief 2012 – zumindest ab Februar – meine Militainment.info-Website. Da ich einfach nicht die Zeit finde, Exklusiv-Artikel für die Seite zu schreiben, ist das Projekt momentan eingestellt. Das ist schade, ich weiß allerdings auch nicht, wie sich das wieder ändern könnte – zumindest allein ist das Projekt schlicht zu aufwändig. Und da ich niemanden kenne, der sich aktuell kritisch mit der Darstellung von Militär in den Medien auseinandersetzt und Interesse an einer Mitarbeit bei Militainment.info hat, wird die Seite wohl auch im Jahr 2013 ruhen.

Flop: Militainment.info

Ebenfalls schlecht lief es mit einem Artikel über den diesjährigen Mädchen-Zukunftstag „Girls’Day“ und das Verhalten der Bundeswehr dabei, den ich kaum in einer Zeitung unterbringen konnte: die Armee hat sich selbst auferlegt, bei dem Tag nur Mädchen ab der 9. Jahrgangsstufe – also einem Alter von 14 Jahren – zu umwerben. Jedoch gab es in den letzten Jahren und auch 2012 zahlreiche Fälle, bei denen schon 11-Jährige an den Armee-Veranstaltungen teilnahmen. Das Verteidigungsministerium verspricht seit Jahren Besserung, aber nichts passiert. Meiner Meinung nach ein Skandal, viele Zeitungen, den ich den Artikel angeboten habe, sahen das wohl anders und der Artikel erschien gekürzt erst sehr spät in einer Tageszeitung. Woran das lag ist nicht einfach zu sagen? Vielleicht habe ich die Relevanz des Themas gegenüber den Redaktionen nicht deutlich genug gemacht – oder mich selbst in der Relevanz bzw. Brisanz getäuscht.
Andererseits habe ich 2012 aber auch Themen verschlafen. Ein Beispiel: schon früh hörte ich, dass eine Lehrerin im nordrhein-westfälischen Gummersbach „Schutzengel“ für deutsche Soldaten von ihren Grundschulkindern basteln lässt. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich mich schon so viel mit Armee-Werbung auseinandergesetzt habe und mich da erstmal nichts mehr erschüttert: ich habe das Thema als belanglosen Einzelfall abgetan und nichts darüber geschrieben. Erst als mich zwei Wochen später ein befreundeter Journalist auf die „Schutzengel“-Aktion ansprach habe ich – aber auch nur mit wenig Elan – einen Artikel für Telepolis geschrieben. Da waren die ersten Artikel von Kollegen schon erschienen und das Thema machte die Runde durch die deutschen Medien, sorgte für eine Anfrage im Bundestag und in Gummersbach für eine hitzige Debatte. Den „Schutzengel“-Vorfall habe ich schlicht unterschätzt.
Was ich unabhängig davon immer noch schade finde: Es gibt kaum Reaktionen auf meine Texte –mit Ausnahme der Bundeswehr-BRAVO-Recherche. Sind meine Themen und Recherchen nicht interessant genug? Ich weiß es nicht. Gerade von den aufwändigen Videospiel-Studien höre ich nichts: zwar haben sie tausende Zugriffe, aber zu einer wirklichen Diskussion führen sie bisher nicht und werden auch nicht von andern Medien aufgegriffen – nichtmals von den vielen Videospiel-Fachmagazinen.

Fazit
Ich werde weiter über militärische Videospiele schreiben, mir den Bereich erarbeiten und auch weitere, aufwändige Studien verfassen – muss aber wirklich zusehen, die Studien-Reihe über das „virtuelle Schlachtfeld“ zu etablieren, um auch endlich Aufmerksamkeit für die Texte zu bekommen.
Etabliert ist mittlerweile das Thema der „Bundeswehr-Werbung“: Viele Medien berichten darüber und ich konnte meinen Teil dazu beitragen. So kann ich das Thema auch langsam etwas ruhiger angehen lassen und mich eben auf Anderes konzentrieren.
Journalistisch ist dabei für mich noch einiges zu lernen – besonders im Umgang mit Redaktionen. Darauf werde ich 2013 besonders achten und versuchen, mich zu verbessern. Daneben plane ich aber auch ein eigenes, neues Projekt und will mir neben schreiben und fotografieren auch andere journalistische Möglichkeiten erarbeiten, bei denen ich selbst publizieren kann – was das ist, wie es aussehen wird und ob es überhaupt was wird, zeigt sich in den nächsten Monaten.

Michi