Stolpersteine in Kassel: „Wir müssen uns erinnern“

erschienen in der medium (www.medium.asta-kassel.de), Zeitschrift der Studierendenschaft der Universität Kassel, Ausgabe Juni/Juli 2013

- Jochen Boczkowski engagiert sich in der Friedens- und Gewerkschaftsbewegung und ist Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine in Kassel“ -

medium: Anfang April wurden in Kassel zehn „Stolpersteine“ zur Erinnerung an Verfolgte und Ermordete des Nazi-Regimes gesetzt (siehe Spalte Seite 23). Die in Gehwege vor den ehemaligen Häusern und Wohnungen der Nazi-Opfer eingelassenen Messingplatten des Künstlers Gunter Demnig wurden vom Verein „Stolpersteine in Kassel“ initiiert. Jochen Boczkowski, können Sie den Verein und die Aktion kurz vorstellen?

Jochen Boczkowski : Wir sind Kasseler Bürgerinnen und Bürger, die teilweise schon seit Jahren mit dem Gedanken gespielt haben, Stolpersteine in Kassel zu verlegen, die aber aufgrund örtlicher Gegebenheiten – Einwände der jüdischen Gemeinde – nicht zum Zuge gekommen sind. Die Stadt Kassel wollte gegen den Widerstand der jüdischen Gemeinde, den öffentlichen Raum für Stolpersteine nicht freigeben. Dieser Widerstand ist nun aber nicht mehr da. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hat entschieden, dem Projekt nicht mehr im Weg zu stehen, will aber nicht Träger der Aktion sein.

Welche Einwände waren das denn? Der Einspruch verwundert ja erstmal…

Die Einwände waren beachtlich. Die Kritiker haben gesagt, dass auf den Stolpersteinen, die vor den Wohnorten der von den Nazis ermordeter Jüdinnen und Juden eingelassen werden, von jedem herum getrampelt werden kann. Und auf Juden sei in der Geschichte genug getrampelt und gespuckt worden. Dieses Argument hat eine große Rolle gespielt und sollte auch nicht einfach abgetan werden. Aber folgt man diesem Gedankengang, dann würde man die fabrikmäßige Vernichtung von Menschen verniedlichen. Inzwischen liegen nahezu 40.000 Steine, die Zahl der Schändungen ist überschaubar. Zwar gibt es immer wieder Fälle, bei denen Neonazis die Steine verunstalten. Der Gedenk-, Erinnerungs- und Mahnungs-Aspekt überwiegt aber. Die Steine fallen auf und erinnern die Bürgerinnen und Bürger an die Grauen der Nazi-Herrschaft.

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